Flug Bolivien - Chile vom Licancabur

 

grafik_inca grafik_inca Am Südzipfel Boliviens inmitten der Salzwüste verband die alte Straße der Inkas die Hochebene mit der Küste. Um sie abzufliegen, wählte ich den Aufstieg zum Licancabur (5920 m) von der bolivianischen Seite und es gelang ein Flug vom Gipfel Richtung Westen über der Atacamawüste halbenwegs nach San Pedro de Atacama.

 

 

Satellitenbild vom Licancabur.

LV Laguna Verde, Start der Tour, Rechts davon, noch mit einem kleinen Kanal verbunden ein kleiner Teil der Laguna Blanca. Weiter unten, J der Nachbarvulkan Juriques (5860 m), SC bezeichnet den Kratersee am Vulkangipfel des Licancabur. Start ist Richtung Osten, da sich hier die Hänge in der Morgensonne früh erwärmen, dann halb um den Vulkan herum Flug nach Westen. Der Flug war nur bescheidene 16 km lang, da es im Westen, abseits des Vulkans so früh noch keine thermischen Entwicklungen gibt. Die treten in etwa zeitgleich mit dem starken Westwind = Gegenwind auf. Rechts unten ist eine Skala angegeben, der Landeplatz liegt also weit ausserhalb des Bildes nach links.

L bezeichnet versteinerte Lavaströme vom letzten Ausbruch im Holozän, 10.000 Jahre her, aber der Vulkan gilt noch als aktiv. Die Lavaausläufer sind während des Fluges nicht nur im Relief sondern auch an ihrem dunkleren, stacheligen Bewuchs zu erkennen.

Das östliche Plateau (4400 m) in das die Laguna Verde eingebettet ist, zieht, vom Titicaca-See herkommend durch ganz Bolivien gen Süden. Es liegt 2000 m höher als das westliche, zum Salar von Atacama gehörende. Beim Aufstieg von Osten her auf den Licancabur mit Flug nach Westen, bekommt man also gratis für den Flug einige Höhenmeter geschenkt. Man hat nach Abheben 3000 Höhenmeter bis zum Landeplatz. Im Rahmen der gesamten Tour war dieser Flug quasi der Sprung vom Altiplano herunter Richtung Meer.

Die alte, heute nicht mehr sichtbare Inka-Strasse, die die Hochebene mit der Küste verband, liegt südlich, etwas ausserhalb der Aufnahme. Man trifft sie fliegenderweise wieder. Die Haupverkehrsverbindung Chiles in dieser Gegend läuft heute hier entlang.

 

Lager an der Laguna Blanca, weiss, wegen der Salzkristalle.

Tagsüber lag die Lagune weitgehend still. Nachts ab elf Uhr, wenn der scharfe Westwind abflaut, erhebt sich ein ungeheures Geschnatter, Gekrächze und Geschreie: Zig balzenden Vögeln, tagsüber verborgen, auf der Suche nach der Liebe ihres Lebens...

Zur Zeit meiner Reise, Anfang November 2003, waren auch Mitarbeiter eines NASA-Forschungsprojekt zur Erkundung des Lebens unter extremen Bedingungen hier aktiv. Im Gipfelkrater des Licancabur liegt ein See, in dem sich Krebstierchen auf 5800 m, unter erhöhter UV-Belastung bei nächtlichen Minustemperaturen tummeln. Lebensbedingungen, wie sie vielleicht auf anderen Planeten, z.B. der Mars, herrschen könnten. (link: NASA-Gruppe, Licancabur)

 

Mondaufgang an der Laguna Blanca, 8.11.2003. Drei Stunden später um 21 Uhr dann totale Mondfinsternis.

"Eclipse de luna en el cielo, ausencia del luz en el mar,
muy sólo con mi desconsuelo mirando la noche, me puso a llorar...
Pensaba que ya no me amabas con honda desesperación
y en algo que siempre eclipsaba la luz de tu amor...

Eclipse de luna en el cielo, ausencia del luz en el mar,
muy sólo con mi desconsuelo mirando la noche, me puso a llorar...
Eclipse de amor en tus labios, que ya no me quieren besar,
quisiera olvidar sus agravios y luego soñar..."

 

Der sich in der Laguna Verde bespiegelnde Vulkan Licancabur.

Die Färbung der grünen Lagune rührt von der Hebung kupferhaltiger Sedimentgesteine im morgendlich auffrischenden Wind her.

Der Aufstieg beginnt unterhalb des Sattels zwischen Licancabur und Juriques, links, wo versteckt Ruinen eines zerfallenen Inkadorfes liegen. Bis hierher kann man noch von der Laguna Blanca für eine Handvoll Dollars von einem der Jeeps von Colque-Tours gebracht werden. Der Aufstiegsweg folgt grob der weissen Linie, die parallel zur linken Bergflanke liegt. Dies ist eine von unten deutlich sichtbare Geröllrinne. Der alte, noch mit Holzstockfähnchen markierte Weg verläuft 100-200 m rechts davon, auf einem Geröllrücken. Er ist heute nicht mehr in Gebrauch, wegen eines Geröllabrutsches auf halber Höhe. Dort bin ich unwissenderweise alleine lang, es gibt eine unwegsamere Passage und man sieht vor Ort, wie es hier leicht zu einem Abrutsch kommen konnte. (Stand Nov. 2003)

 

Nachtlager auf 5350 m mit Blick auf die Laguna Verde.

Eigentlich kann der Licancabur leicht an einem Tag bestiegen werden. Da ich jedoch mit ca 20 kg Gepäck unterwegs bin und früh und ausgeruht für den Start am Gipfel sein möchte, gehe ich den bequemen Weg mit Rast.

Am nächsten Morgen, als Leo, ein Indioträger, und Bergführer, mich knapp unterhalb des Gipfels einholt, macht er natürlich nur Witze üer meine Last: Er selbst trägt, mit blossen dünnen Gepäckschnüren auf seinem Rücken befestigt eine 30 kg Kiste hier hinauf.

Die Wolken am Himmel sind um diese Jahreszeit (Nov.) eine absolute Ausnahmeerscheinung, Durchzug einer Front von Argentinien. Für gewöhnlich ist der Himmel wolkenlos blau. Auch die Sechstausender hier sind trotz Minustemperaturen weitgehend schneefrei, wegen mangelnden Niederschlags.

 

Gipfel, Blick in den grünen Kratersee.

Laut Guinness Book der höchste See der Welt, Maße ca 90 x 70 m. Wegen der vulkanischen Wärme gefriert der See trotz Nachttemperaturen bis minus 30 Grad niemals völlig. Vorbedingung für das Leben hier.

 

Morgentlicher Blick Richtung Startplatz. Föhnlinsen. Diese ungewöhnlichen Wolkenbilder sind ebenfalls Folge des Frontdurchzugs von Argentinien. Der Wind am Gipfel nicht unbedingt stark, aber unregelmässig und da die Luftbewegungen in der Weite der Atacama-Wüste nicht klar abschätzbar sind, verzichte ich auf den Flug heute und baue ein Windschutz-Mäuerchen für die Nacht.

 

Nachtlager auf 5900 m, Blick aus dem Zelt auf den Nachbarvulkan Juriques.

Zeitvertreib in der Nacht: Coca-Blätter kauen, Knoblauchzehen und Traubenzucker essen und reichlich trinken, um die nahenden Kopfschmerzen zu vertreiben. Nachttemperatur -16 Grad. Bis sechs Uhr morgens bläst ein unangenehmer West-Wind, ungewöhnlich, so lange durch die Nacht hindurch. Doch dann wird es mit der Morgendämmerung endlich ruhig.
Aufbruch zum nahen Startplatz. Ich begegne noch Macario, dem Bergführer, mit einem Gast. Hier ist man selten ganz allein. Schwanken ob Start Richtung Osten oder Westen erfolgen soll, beides ist möglich, ersteres in Richtung der Morgen-Thermik, letzteres gegen die Hauptwindrichtung von ca 5 km/h. Habe dann die Flügel Richtung Osten ausgebreitet, doch die Thermik trägt leider nicht. Ich weiss von anderen Fliegern, dass man durchaus über dem Kratersee schweben kann. So geht es nur um den Vulkan herum und dann immer geradeaus. Ich merke nur, dass ich vergessen habe, die Kamera auszupacken, aber in der ruhigen Luft hat man Zeit, Zeit, Zeit...

 

Blick Richtung San Pedro de Atacama, noch ca 2000 Hm Zeit.

Später erfahre ich, dass das ganze Gebiet unter mir feindlich bepflastert ist: 122,000 Anti-Personen Minen hat die chilenische Regierung in den siebziger Jahren hier verbuddeln lassen, da Bolivien die im Salpeterkrieg (1879-1884) verlorenen Gebiete, namentlich den schönen langen Strand, bis heute nicht aufgegeben hat und immer wieder mit schnellen Eingreiftruppen droht.

Jahrhunderte lang war die Gegend keinen Pfifferling wert, dann fand Justus von Liebig, dass Nitrat ein hervorragendes Frühstück für unsere Blumen abgibt und ein regelrechter Stickstoffboom setzte ein. Peru, Bolivien und Chile kabbelten sich alsbald um die ergiebigen Salpeter-Minen in der Atacama-Wüste, zumal auch der Welt grösste Kupfermine direkt daneben liegt. Ein paar Monate später war Bolivien viel kleiner geworden und hatte seine gesamte Küste verloren. Eine Schmach, von der sich Bolivien bis heute nicht erholt hat, zumal es gewaltige ökonomische Konsequenzen nach sich zog.

 

Zum ersten Mal während des Fluges ist mein Schatten in der Wüste sichtbar, rechts neben der Beschleunigerleine. Weiter rechts daneben, ein gewaltiger Lava-Ausflussarm. Unter mir bereits der Fahrweg, der sich wegen neu entstehenden Gräben oder Wasserfurchen an manchen Stellen zweiteilt.

 

Einsame Landung und Blick zurück. Ich bin in Chile.

 

Gepackt und Blick nach vorn. Es warten noch 10 km Fussmarsch auf mich. Vorne der Rest meiner Coca-Blätter als Opfergabe an die Wüste.

 

 

 

----------------------------------------------- Mit dem Gleitschirm über den Inka-Straßen -----------------------------------------------