Potosí, Flug vom Cerro Rico

 

 
Cerro Rico, ein Berg prägt eine Stadt.

       

grafik_potosi Seit wir als Teenager Eduardo Galeanos "Die offenen Adern Lateinamerikas" lasen, ist uns an diesem Berg bildhaft Reichtum und Elend der Eroberung Südamerikas vor Augen geblieben. Schon die Inkas räumten hier in sanftem Oeko-Stil Silber ab. Die eingerückten Spanier, als gründliche Europäer, machten es dann besser: Hunderte, tausende, zigtausende von Indios wurden in die Höhlen des Cerro Rico verfrachtet, um ihn schwammartig zu durchlöchern. Die Arbeitsbedingungen waren verhehrend, die Lebenserwartung eines Mineros ab Beginn seiner Arbeit betrug nur sechs Monate. Danach blieb er meist im Berg drinnen, da das Herausschaffen der vielen Leichen auf die Dauer zu mühsam erschien. Mehr als eine Million Arbeiter verschlang der Berg, Galeano schätzt es sogar auf 8 Millionen.

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Das herausgeschabte Silber machte Potosí für kurze Zeit zur reichsten Stadt der Welt. Für die reichen Kolonialherren muss es ein unglaubliches Dolce Vita gewesen sein: Russischer Kaviar, Table-Tänzerinnen aus Paris, griechischer Wein, Schwarzwälder Kirschtorte: Ein unzugängliches bolivianisches Dorf in den trockenen, unfruchtbaren Bergen nahe der Wüste wird zur Mitte der Welt und mit 200,000 Einwohnern größer als London oder Paris zur damaligen Zeit. 70,000 Tonnen Silber flossen in 400 Jahren nach Spanien und von dort weiter in die Puppenkiste nach Augsburg, in die Taschen der Glšubiger des Kaisers: Die Fugger, die ein paar Jahre zuvor den Machtaufstieg Karls des Fünften gnädig finanziert hatten.

Und dann plötzlich Schluss. Berg leer, the party is over, Spanier gehen nach Haus und es bleiben nur ein paar Coca-kauende Gestalten zurück, die in den dunklen Gängen herumschrabbeln, um so, oder auch nicht, am Leben zu bleiben.

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Heute sieht es nur wenig lichter aus. Zwar streifen wohlhabende Touristen wie ich umher und mit besseren Förderungsmethoden konnte wieder mit Silberabbau begonnen werden und Zink und einige seltene Minerale werden ebenfalls gefunden, aber immernoch ist alles harte Handarbeit unter äußerst ungesunden Bedingungen, kein modernes, industrielles Minengebiet. TOS Dienste international schätzt den Anteil der in den Minen arbeitender Kinder zwischen 8 und 12 Jahren auf 5.000 Kinder. Sie gelten als praktisch, da sie untertage in Winkel gelangen, die ausgewachsenen Arbeitern nicht mehr zugänglich sind. Und immernoch tief im Berg, wie seit hunderten von Jahren, wacht und gebietet der Tio, ein Berggeist, Mischung zwischen Gott und Teufel, über Gedeih und Verderb der Bergleute.

 

 

Aufstieg über die Rückseite

 

Gipfel auf 4760 m. Oben stehen ein paar Antennen und verknüpft damit ein beachtlicher Kabelverhau. Ein Häuschen gibt es auch. Der Antennenwärter wohnt einsam hier oben, grüßt freundlich, ein wenig abwesend, vielleicht von seinem Eremitendasein bereits geprägt...

Ich richte mir einen Startplatz im Hang unterhalb der Hütte. Wird recht heikel, nur ein paar Schritt und alles im Geröll. Da nichts schief gehen soll verbringe ich eine Stunde mit Schirmauslegen. Jede Leine einzeln, kein Probeaufziehen, Schirm am Rand mit Steinen beschwert. Der Start ist dann ziemlich perfekt, der Wind in der Luft stärker als erwartet und nach ein paar Runden schwebe ich 100 m über dem Berg.

 

Blick zurück. Ein riesiger Termitenbau mit tausenden von ungeordneten Gängen und unter ihm geht es noch einmal acht Stockwerke tiefer hinab in die Erde...

 

Über Potosí...

 

Nach der Landung...

Aus dem Tagebuch:
"Die Landung verursacht dann den größten Menschenauflauf meiner bisherigen Reise. Die meisten hatten den Schirm ja bereits in der Luft gesehen, und kamen bereits beim Landeanflug durch die Gassen geströmt. Ein Schieben und Drängeln auf dem Platz, zig auf den umgebenden Mauern. Der Gringo der vom Himmel kommt. Leider trampeln sie auch gänzlich respektlos auf dem Gleitschirm herum. Das ist etwas merkwürdiges in der Andenwelt, wie gut sie zu Tieren und wie gleichgültig sie der Dingwelt oft gegenüber sind. Ein anderer Grund vielleicht dafür, dass so viele Dinge hier nicht funktionieren. Hundert kleine Hände, die den Schirm und den dazugehörigen Gringo anfassen müssen, hunderte von Fragen, strahlende Gesichter, lang anhaltendes Schulternklopfen..."

"Gleich werde ich in ein Haus zum Allerseelen-Feiern eingeladen. In Deutschland habe ich mir nie so viel aus diesem Fest gemacht, meine Schwester hat Geburtstag an dem Tag und die Glückwunschkarte allein nötigt mir schon viel Mühe ab. Hier ist das anders, dieses Fest ist ungeheuer aufwändig. An diesem Tag werden die Menschen verabschiedet, die in der Familie im Laufe dieses Jahres gestorben sind. In dem Haus in dem ich zu Gast bin ist es die Großmutter."

"Beim Eintritt in den Innenhof hängt eine schwarze Schleife über der Tür. Zeichen für alle Umherwandernden, dass man hier besuchen und "betrauern" darf. Ein "Grab", bestehend aus dem Bild der Verstorbenen, Schmuck und unzählige Blumen, ist in einem Zimmer aufgebaut. Die Hauptsache aber ist eine unglaubliche Menge an Chicha (ca. Maisbier), Cañazo, Zuckerrohrschnapps, und anderen begeisternden Getränken. Natürlich nur für die Männer. Daneben gibt es noch Berge von Tanta Wawas = Brotkinder = Stutenkerle oder Grätibenze oder wie auch immer ihr sie nennt.

"Hauptbeschäftigung der Männer ist Rayuela, eine Art Boulespiel mit Münzen. Aus sechs Metern Entfernung wird auf ein Ziel geworfen. Die Verlierer müssen nachher knieend auf jedem Meter ein Glas Zuckerrohrschnapps trinken, das letzte ohne Handberührung. Da das den ganzen Tag lang gespielt wird, ist es kein Wunder, dass auf der Straße niemand mehr geradeaus geht, außer den Frauen eben. Ich mache auch ein paar Würfe, erschreckend miserabel, aber die Alkoholbestrafung wird dem Gringo netterweise erspart, ich schwanke ohnehin schon von den vielen Willkommen-Drinks."

 

Und so sieht es im Innern des Berges aus...

 


 

----------------------------------------------- Mit dem Gleitschirm über den Inka-Straßen -----------------------------------------------