Im Versuch, weiter dem spanischen Eroberungsweg zu folgen ging es weiter flussabwärts. Es gab nur eine Flugmöglichkeit entlang des Weges, aber wegen der unübersichtlichen Bedingungen wagte ich keinen Start. Mein urpsrüngliches Vorhaben, das Tal abzufliegen, hatte ich wegen der mir zu anspruchsvollen thermischen Bedingungen bereits in Huancabamba aufgegeben. Rein von der Stärke der Thermik her, wäre es gewiss gut möglich gewesen. Wieder ein Gelände, in dem nur selten Fremde spazieren gehen, aber ein wunderschönes Flusstal mit sehr freundlichen Bewohnern.
Hinter Sondrillo wird der Fluss so canyonartig eng, dass man für gewöhnlich einen Umweg über das 2440 m hoch gelegene Chirimoyo (chiri = kalt, mayo = Fluss oder muyu = Kugel) nimmt. Danach geht es wieder ins Flusstal auf 1500 m hinab. Hier der Blick vom Pass. Fliegen oder Nicht-Fliegen, das ist hier die Frage...
Unten im heissen Flusstal wunderschöne Bromelien, schmarotzende kleine Pflanzen die sich in grösseren Wirtspflanzen, wie hier eine Kaktee, festsetzen. Abseits des Flusses ist es wüstenartig trocken.
Immer wieder Umwege um den mäandernden Fluss herum. An dieser Stelle hatte ich versucht, durch den Fluss zu waten, aber er riss mich
mitsamt Gleitschirmrucksack fort und alles wurde einmal gründlich gewaschen.
An jeder grüneren Ecke des Flusses eine vereinzelt gelegene Charca, ein
Gärtchen, wo Bananen, Zuckerrohr oder Limonen angebaut werden. Mais oder Kartoffeln gedeihen besser 800 m weiter oben
an den Hängen. Siedlungen oben und unten treiben das ganze Jahr über einen regen Tauschhandel über die
steilen, mühseligen Pfade.
Gut getarnt. Wieviele Esel sind auf diesem Bild?
Das letzte Mal den Fluss gequert. Der Junge der mir die Stelle zeigt bekommt ein Buch geschenkt. Ich bin wirklich verblüfft über die Wirkung. Er ist absolut begeistert und setzt sich gleich hin, drüben, am anderen Flussufer, um zu lesen.
Hier in Sulaca/Polvasa beginnt der Fahrweg flussabwärts, der zur Strasse Chiclayo-Chachapoyas führt. Um Mitternacht, so sagen die Dorfbewohner, soll der LKW kommen und wieder zurückfahren.
Aus dem Tagebuch:
"Zum letzten Mal am abend Reis mit Hühnerbrühe kochen, dann
wirklich pünktlich um Mitternacht kommen zwei
vollgeladene Lastwagen, die alle die Dinge, die von der
Stadt Chiclayo hierher gebracht werden müssen, enthalten,
unter anderem säckeweise Kunstdünger (dafür werden die
Früchte dort nicht gespritzt, essbare Orangen- und Bananenschalen...).
In dicke Decken eingehüllt setzen sich die angekommenen
Campsinos und ihre Frauen neben ihr neues Hab und Gut und warten
auf das Morgengrauen, wo sie es mit Maultieren zu ihren
Lehmhäusern bringen werden.
Ich bin daher bei der Rückfahrt zunächst der einzige
Fahrgast auf dem Lastwagen. Habe die Ladefläche von ca 2.5 x 6 m
mit hohen Seitenwänden für mich allein.
Auf halber Höhe sind Bretter quergelegt,
darunter ist Stroh für Tiere die eventuell zusteigen.
Ein behaglicher, komfortabler Ort, um im warmen Flusstal die vorbeiziehende Nacht
vom fahrenden Lastwagen aus zu betrachten.
Dann darf ich nach einigen km helfen 12
schwere Kohlesäcke aufzuladen, die zum Markt sollen. Im
nächsten Dorf steigen die
ersten Campesinofrauen mit ihren Bündeln und Kindern
auf dem Rücken zu, dann ein Junge mit zwei Schafen, drei Ziegen
und einem Schwein, dann mehr und mehr Campesinos mit
Waren für den Markt.
Als nächstes kommt ein Campesino mit neun (!) Schweinen,
dann einer mit diversem Geflügel. Allmählich wird es enger. Zwei
Ziegen, die über die Laderampe nicht mehr hineinpassen, werden
kurzerhand an ihren Hörnern die 2.5 m über die Seitenwände gehieft
und von oben zwischen den quiekenden Schweinen verstaut.
Bei jedem Halt locken die hellen Scheinwerfer
tausende von Insekten an, die wiederum Scharen
von Fledermäusen mit sich bringen. Es ist wie im
Wunderland.
Als ich denke, jetzt ist es so langsam genug mit Immigration,
das Boot ist voll, wird plötzlich
(es ist drei Uhr morgens und alle im Halbschlaf) die
hintere Ladeluke aufgerissen,
alle Bündel nach vorn geworfen, die Mitfahrer zusammengedrängt, die Kohlensäcke neu geschichtet, bis
das hintere Drittel gänzlich frei ist.
Hinzu steigt: Ein kräftiger, schwarzer Jungstier mit langen
Hörnern. Da er sich in ungewohnter Umgebung wiederfindet, beginnt
er gleich, sie auseinanderzunehmen.
Einmal macht er einen halben Satz über den Wall aus
Kohlesäcken hinweg und alles flüchtet
erschrocken ins hintere Eck des Lastwagens. Da er
jedoch an den Hörnern
festgebunden ist, verrenkt er sich nur selber den Hals
dabei und alle hoffen, dass das Hanfseil hält....
Nach sechs Stunden Fahrt, zur Zeit der Morgendämmerung in
Pucara (= Festung quetch.) am Ende des
Huancabamba-Tales springe ich ab und mit
einem riesigen Umweg geht es weiter nach
Chachapoyas, zum Flug über den Nebelwald.
Lieber wäre ich der alten Spanierroute direkt nach
Cajamarca
gefolgt, wo die entscheidende Schlacht, oder vielmehr das Gemetzel zwischen Inkas und Spaniern stattfand,
aber da gibt es keinen direkten fahrbaren Weg mehr und ich bin wandermüde.
Manche Historiker sagen, dass die Eroberung der Spanier
nur deshalb so schnell und erfolgreich vonstatten ging, weil ihnen das
gutausgebaute Strassennetz der Inkas zur Verfügung stand.
Wären sie doch nur fünfhundert Jahre später gekommen.
Ihr Feldzug wäre in kläglicher Weise gescheitert..."
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